25. Vom Unsinn des Vergleichens
Wir saßen gemütlich draußen. Es war bereits dunkel und die Temperaturen wurden langsam angenehmer. Die beiden Enten badeten zufrieden in ihrem Becken und verschwanden anschließend irgendwo in den Büschen. Unser Kater kam aus seinem kühlen Versteck hervor und schmiss sich – wie Katzen das eben so machen – ziemlich penetrant meinem Sohn Linus vor die Füße.
Die Botschaft war eindeutig: Streichel mich! Linus gehorchte. Der Kater schnurrte laut, Linus kraulte ihn und die Welt war friedlich. Zumindest kurz.

Plötzlich hörten wir aufgeregtes Schnattern. Erst aus der Ferne. Dann lauter. Und noch lauter.
Dazu ein heftiges Geraschel aus den Büschen.
Die Enten kamen! Und zwar nicht gemütlich. Wilm und Hilde marschierten mit erstaunlichem Tempo direkt auf Linus und den Kater zu. Dabei schnatterten sie so empört, als hätten sie gerade einen handfesten Skandal aufgedeckt.
Der Kater ließ sich davon überhaupt nicht beeindrucken. Er lag weiterhin vor Linus und genoss seine Streicheleinheiten. Bis Wilm kam.
Ich konnte zuerst nicht glauben, was ich sah. Wilm senkte seinen langen Hals, rannte schnurstracks auf den Kater zu, streckte den Schnabel nach vorne und schnappte nach ihm.
Der Kater war völlig irritiert, sprang zur Seite und konnte gerade noch verhindern, dass Wilm ihm schon wieder eine Schnabelportion Fell ausriss. Hilde war zwar nicht ganz so angriffslustig, dafür aber mindestens genauso laut und empört.
Und plötzlich wurde mir klar: Die Enten waren eifersüchtig!
Linus streichelte den Kater.
Und nicht sie!
Von Wilm kannten wir dieses Verhalten schon. Wenn Linus mit Hilde und dem Ball schneller unterwegs war als Wilm, blieb dieser irgendwann beleidigt stehen, meckerte sein tiefes „Raap-Raap“ und schnappte bei nächster Gelegenheit nach Hilde.
Aber jetzt? Jetzt waren sich die beiden Enten vollkommen einig:
Der Kater bekam Aufmerksamkeit, die ihrer Meinung nach eindeutig ihnen zustand!
Unglaublich: Die Enten sind eifersüchtig!
Dass Wilm auf Hilde eifersüchtig ist, konnte ich ja irgendwie noch nachvollziehen.
Aber auf einen Kater?
Der Kater hat vier Beine, ist schwarz, hat Fell und kann schnurren.
Die Enten haben zwei Beine, sind weiß, haben Federn und schnattern. Gegensätzlicher geht es eigentlich kaum.
Das Bild hinkt zwar in mehrfacher Hinsicht, aber ich fing schon wieder an, die Enten zu vermenschlichen. Mein erster Gedanke war nämlich:
Sind die Enten doof!

Wie kann man sich denn mit jemandem vergleichen, mit dem man überhaupt nicht vergleichbar ist? Wir Menschen machen so etwas schließlich nicht.
Aber in meinem Kopf "blinkte" etwas auf: Das stimmt ja gar nicht!
Irgendwie sind wir genauso wie Hilde und Wilm!
Wir schauen auch auf andere Menschen und sehen ziemlich schnell das, was sie haben – und wir nicht.
Der eine ist sportlicher. Die andere ist musikalischer. Jemand ist schlagfertiger, kreativer oder erfolgreicher. Ein anderer scheint gesünder, selbstbewusster, beliebter oder gelassener durchs Leben zu gehen.
Und manchmal hätten wir gerne genau das. So, wie die Enten die Aufmerksamkeit von Linus haben wollten.
Auf einmal kommt mir ein Gedanke, der zwar nicht neu erfunden ist, mir aber plötzlich ganz wichtig und klar wurde:
Wenn wir uns vergleichen, dann vergessen wir etwas ganz Entscheidendes:
Nur weil wir alle Menschen sind, heißt das noch lange nicht, dass wir vergleichbar sind.
Unsere Unterschiede sind manchmal genauso groß wie die zwischen unserem schwarzen Kater und den weißen Enten. Was bringt es, meine Sportlichkeit mit der Kreativität eines anderen Menschen zu vergleichen? Meine Sommersprossen mit den Locken eines anderen?
Mein Talent mit seiner Begabung? Meine Schwäche mit ihrer Stärke?

In einem bekannten christlichen Buch steht, dass Gott jedem Menschen ganz individuelle Stärken und Talente gegeben hat.
Eigentlich ein schöner Gedanke! Denn wenn das stimmt, muss ich gar nicht alles können, was ein anderer kann. Ich muss nicht haben, was ein anderer hat. Und ich muss schon gar nicht jemand anderes sein.
Ich habe mir nach diesem Schauspiel in unserem Garten jedenfalls vorgenommen, auf das schauen, was mir geschenkt wurde. Auf das, was ich kann. Auf meine eigenen Gaben, Möglichkeiten und Talente.
Denn in dem Moment, in dem wir Menschen anfangen, uns mit anderen zu vergleichen, verlieren wir. Und das tut weh, denn wir haben die Tendenz, uns nach oben zu vergleichen.
Irgendjemand ist immer sportlicher. Schlagfertiger. Musikalischer. Kreativer.
Oder hat gerade jemanden, der ihn krault.
Und wenn wir dann eifersüchtig mit gesenktem Kopf und vorgestrecktem Schnabel auf ihn losgehen, sollten wir uns vielleicht kurz an Wilm erinnern.
Manchmal beneiden wir nämlich einen Kater um sein schwarzes Fell, obwohl wir selbst superschöne weiße Federn haben.
